Ideation – über die Kunst, gute Ideen zu entwickeln (Teil 1)

Lesezeit: ca. 6:30 Min.

„Ideen zu entwickeln, ist einfach. Auf die Umsetzung kommt es an.“ So lautet die Meinung vieler. Aber stimmt das? Ja und nein. Denn ohne Ideen keine Umsetzung – und ohne Umsetzung kein Erfolg.

Einleitung

Wenn man sagt, dass die Generierung neuer Ideen kein Hexenwerk sei, hat man grundsätzlich recht. Es gibt viele unterschiedliche Kreativ-Techniken, die man einsetzen kann, um gezielt Einfälle zu produzieren. Wenn man aber behauptet, dass die Generierung guter Ideen einfach sei, hat man sich mit diesem Thema noch nicht allzu intensiv auseinandergesetzt. Was einen zu der Frage bringt, wann eine neue Idee denn als gut gilt – und wann nicht. Das zu beantworten ist gar nicht so einfach, da die Qualität von Ideen immer nur im Kontext des zu lösenden Problems und unter Berücksichtigung der eigenen Position am Markt beurteilt werden muss. So kann es sein, dass eine bestimmte Idee für ein spezielles Unternehmen den großen Wurf darstellt – für dessen Konkurrenten aber unerheblich ist, ihre Umsetzung vielleicht sogar schädlich wäre. 

Im Entwicklungsprozess neuer Ideen gibt es nicht das eine Problem – die eine Herausforderung, die es zu beachten gilt. Stattdessen lassen sich ganz unterschiedliche Falltüren ausmachen, von denen ich im Folgenden einige beschreiben und euch im 2. Teil dieses Artikels auch gleich noch mögliche Umgehungsmöglichkeiten aufzeigen möchte.  

4 typische Fehler im Ideation-Prozess

Bevor ich euch die Hebel einer erfolgsorientierten Entwicklung guter Ideen vorstelle, möchte ich auf vier in der Praxis oft zu beobachtende Verhaltensweisen eingehen, die dem Ideation-Erfolg eher entgegenwirken.

Fixierung auf die Lösung statt auf das Problem

„Die Aufgabenstellungen bringen Sie mit, richtig?!“ Diese Frage habe ich schon oft gehört.

Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit gefragt, ob wir bei Evulu auch Ideation-Workshops anbieten – und ja, das machen wir (auch wenn das. Man wolle (so der Anspruch) Ideen entwickeln, die relevant seien – die dem Unternehmen helfen würden, seine Position am Markt neu zu definieren.

So weit, so … unspezifisch. Denn das ist ja eigentlich klar – und doch irgendwie nicht. Geht es wirklich darum, seine Position am Markt oder vielleicht doch eher darum, seinen Markt neu zu definieren? Welche Entwicklungen in der Vergangenheit haben dazu beigetragen, dass man meint, sich und/oder sein Angebot verändern zu müssen? Und welche Potenzialfelder gibt es überhaupt? Wer sind die Zielgruppen? Und lassen sich diese noch weiter spezifizieren? Warum muss das Problem überhaupt gelöst werden? Und werden die Zielkunden bereit sein, sich auf neue Lösungen einzulassen – geschweige denn Geld für diese auszugeben?

Das sind nur ein paar aus einer Vielzahl möglicher Fragen, die man sich stellen kann (und sollte), bevor man in den Kreativprozess einsteigt und z.B. einen Ideation-Workshop durchführt. Niemandem ist damit geholfen, wenn man eine Lösung designt, die keiner will – man also ein Problem löst, das keiner hat.

Albert Einstein soll einmal gesagt haben: “Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, ein Problem zu lösen, würde ich 55 Minuten damit verbringen, über das Problem nachzudenken – und 5 Minuten damit, es zu lösen.” Deutlicher kann man kaum zusammenfassen, wie wichtig es ist, eine Aufgabe erst einmal zu verstehen, d. h. alle relevanten Informationen zu sammeln und mögliche Implikationen des Problems zu erschließen, bevor man darüber nachdenkt, wie man diese spezielle Aufgabe angehen würden. Entscheidend dabei ist, den richtigen Leuten die richtigen Fragen auf die richtige Art und Weise zu stellen (ein Thema, auf das ich im Rahmen einer geplanten Artikelserie noch näher eingehen werde).

Wenn das eigentliche Problem nicht verstanden wird, schaffen alle “Lösungen” nur neue Probleme. Aus diesem Grunde sollten die Themen für einen Ideation-Workshop auch nicht eingekauft, sondern entwickelt werden – und zwar auf Basis der Marktrealität und der individuellen Sitution des nachfragenden Unternehmens.

Fixierung auf das Bestehende statt auf das Mögliche

Wer sich nur an dem orientiert, was er kennt, wird immer nur sehen, wie es bereits ist und nie wie es sein könnte. „Functional Fixedness“ ist ein Begriff, der die Unfähigkeit beschreibt, bekannte Funktionen auf untypische Anwendungssituationen zu übertragen. Diese Art der kognitiven Voreingenommenheit kann unsere Fähigkeit beeinträchtigen, kreativ zu denken und neue Ideen zu entwickeln.

Ganz freimachen kann sich wohl keiner davon. Allerdings gibt es Techniken, die einem helfen, diesen Gedankentransfer zu leisten und so (im wahrsten Sinne des Wortes) ungewöhnliche Lösungen für gegebene Probleme zu entwickeln. Zwei bekannte Ansätze in diesem Bereich sind die „What if…“-Methode und die Technik der „5 Whys“. Ohne hier weiter ins Detail gehen zu wollen, geht es bei beiden darum, das Offensichtliche zu hinterfragen und gewohnte Lösungs- und Erkläransätze zu durchleuchten.

So hat sich der amerikanische Erfinder Van Philips darüber gewundert, warum Bein-Prothesen eigentlich wie normale Gliedmaßen auszusehen haben und ob es nicht einen anderen Weg gäbe, diese zu gestalten. Durch die Beobachtung von Geparden und die Analyse von Sprunghilfen im Leichtathletikbereich kam er auf die Idee, eine Prothese zu entwickeln, die sich weniger an den Knochenstrukturen gesunder Beine orientiert als vielmehr an der Mechanik eines Hochsprungstabes. So entstand die C-förmige Sprintprothese. Diese erlaubt es, den Betroffenen nicht nur schnell, sondern zum Teil sogar schneller zu laufen als körperlich unversehrte Menschen (was den einen oder anderen Transhumanisten davon träumen lässt, seine gesunden Gliedmaßnahmen gegen eben solche künstlichen Bewegungshilfen zu ersetzen).

Wer das Gegebene hinterfragt und bereit ist, neue Wege zu gehen, wird sehr wahrscheinlich zu weit innovativeren Ideen kommen, als derjenige, der seine Energie allein auf die Verteidigung des Gewohnten konzentriert. 

Fixierung auf die Erfahrung von externen Experten

Wissen basiert auf Erfahrung – und Erfahrung auf der Vergangenheit. Ja, Experten können eine wichtige Rolle im Innovationsprozess spielen. Aber eine gute Idee kann man nicht einfach so bestellen. Sie muss erarbeitet werden. Expertenmeinungen einzuholen, erweitert die Perspektive. Sich auf diese zu verlassen … oder anders: sich nur auf diese zu verlassen, ohne selbst nachzudenken, sollte man hingegen nicht.

Wer seine Kunden am Markt überraschen und sich aus der Masse oft ähnlicher Anbieter abheben will, muss innovativ sein. Und wer innovativ sein will, darf nicht alleine auf die Erfolgsformeln der Vergangenheit vertrauen. Neuartige Lösungen verlangen immer nach einem gewissen Eigenanteil – und sei es durch die Übersetzung eines externen Impulses auf den eigenen Kontext.

Wenn man den Experten einfach nur auf den Mund zu schauen bräuchte, um am Markt erfolgreich zu sein, stellt sich die Frage, warum so viele Innovationsprojekte scheitern. An „Experten“ mangelt es schließlich nicht.

Fixierung auf die Einhaltung einer bestimmten Reihenfolge von Schritten im Innovationsprozess

Viele verstehen die Entwicklung von Ideen als Baustein eines vordefinierten Prozesses. Zunächst wird das Problem untersucht. Dann formuliert man eine Aufgabenstellung. Diese wird im Rahmen eines Ideation-Workshops bearbeitet, bevor man die besten Impulse in entsprechende Prototypen übersetzt, um dann zu schauen, ob und wie diese von den Zielkunden angenommen werden. Am Ende sind alle happy und können sich neuen Problemstellungen zuwenden.

In der Praxis verläuft der Innovations-Prozess aber nur selten linear – und happy sind auch nicht immer alle. Oft stellt man fest, dass der erhoffte Knalleffekt unter den Test-Kunden ausbleibt – dass diese einem die Lösung nicht gerade aus den Händen reißen. In dem Fall muss man wieder rein in den Prozess und erneut mit seinen Endnutzern zusammenkommen. Vielleicht muss man seine Aufgabenstellung anpassen, bevor man wieder in den Ideation-Prozess einsteigt und das bislang Generierte nicht nur erweitert, sondern zum Teil verwirft und neu definiert. Das kann sich chaotisch anfühlen. Aber eigentlich nur, wenn man davon überzeugt ist, dass man eine bestimmte Reihenfolge an Schritten einhalten muss und erst am Ende eines Abschnitts zum jeweils nächsten übergehen darf.  

Die gängigen Frameworks im Innovationsbereich sind zunächst einmal nur das – Frameworks, also Rahmenprogramme, die einem helfen sollen, ein Projekt „aufzuplanen“. Wer sich stur an die Vorgaben klammert und nicht bereit ist, flexibel auf bestimmte Situationen zu reagieren, wird am Ende wahrscheinlich feststellen müssen, dass er eine Lösung gebaut hat, die keiner will.

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Im nächsten Teil stellen wir Dir dann wichtige Erfolgsfaktoren für den Ideation-Prozess vor.

Bis dahin alles Gute und viel Erfolg 🙂

Krist°f / Co-Founder von Evulu


Photo by Nishant Jain on Unsplash

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